04.04.2016

»Gassen«-Tarife

Das Wort „Kostenerstattung“ ist im deutschen Gesundheitssystem verbrannt wie die Diskussion in der jüngsten Vertreterversammlung erneut klar gezeigt hat. Stattdessen wählt man jetzt lieber den nächsten eher faulen Kompromiss.

Man will wieder einmal den Patienten steuern, in dem man ihm einen Tarif anbietet, wo er einen "Lotsenarzt" wählt und einen Tarif, bei dem er eben selbst entscheidet, welchen Arzt er aufsuchen will.

Die Erfahrungen damit sind differenziert: Es gibt wohl Untersuchungen, die nachweisen, dass es in der Tat sinnvoll ist, bei multimorbiden Patienten, einen Arzt zu haben, der die Koordination der anderen Beteiligten übernimmt. Für junge Patienten, die mal eine Verletzung haben, ist dieser Lotse vollkommen unnötig und verursacht lediglich Mehrkosten, weil sich die Arztbesuche häufen. Leider haben es auch unsere 73b oder 140er Verträge nicht geschafft, hier einen wissenschaftlich zu nennenden Beweis abzuliefern.

Der Lotse ist nicht für alle Patienten sinnvoll und kosteffizient. Es gibt 17 Arztbesuche in Deutschland, weil Patienten schlecht gesteuert werden. Wirklich? Tatsache ist: In Deutschland muss jeder Arbeitnehmer und potentielle Arbeitnehmer spätestens nach drei Tagen für die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zum Arzt - inzwischen hat der Arbeitgeber das gerichtlich verbriefte Recht auch schon am ersten Tag eine AU zu verlangen -und diese darf dann immer nur für 14 Tage ausgestellt werden.

Im Übrigen lassen sich die Patienten auch gerne von ihrem Steuermann eine Überweisung gleich am Anfang des Quartals ausstellen und dieser wird mit so vielen Überweisungswünschen geflutet, dass er die meisten eben nicht überprüft und mit dem Vermerk "HZV-Teilnahme" oder "Patient bekannt" auch ausfüllt.

Bei Inanspruchnahme von Notfallambulanzen in Krankenhäusern ist feststellen, dass die höchste Frequenz Werk- wie auch Feiertags zwischen 10 bis 12 Uhr stattfindet. Ein großer Teil dieser Inanspruchnahmen entspricht wohl der Triage-Kategorie 4 bis 5 - also "Peanuts" und teilweise geben die Patienten an, dass sie gerne die Diagnose des "steuernden" Arztes durch das Krankenhaus überprüft haben wollten. Konkret überprüft ein Assistent in der Notaufnahme überprüft also die Diagnose eines erfahrenen Haus- oder Facharztes! Das Krankenhausstrukturgesetz leistet dieser "Steuerung" des Patienten auch noch Vorschub, in dem es der regulären Versorgung auch noch Gelder entzieht.

Die Fachärzte schreiben längst nicht mehr alle Kontakte auf, weil sie sonst in die Zeitplausi-Prüfung kommen würden. Somit ist diese Statistik schief. Damit ist eines klar - wenn man Patienten steuern will, dann geht das nur über die "Selbststeuerung" über den Geldbeutel.

Und das zu sagen und konsequent die Kostenerstattung einzufordern, dazu fehlt der Mut

befürchtet Ilka M. Enger

Kategorie: Allgemein, BVNF

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