04.04.2016

„Outsourcings sozialer Folgelasten“

Außer den "klassischen" Gründen für Arztkontakte - die Behandlung akuter und chronischer Erkrankungen, mit dem Ziel, diese zu heilen oder zu lindern - gibt es weitere sehr wichtige Gründe, resultierend aus dem System der sozialen Fürsorgebürokratie. Quasi der Arztkontakt als Ticket für den Leistungsbezug.

Neben der Krankschreibung zwecks Lohnfortzahlung und Bezug von Krankengeld sind als Ursache für eine hohe Zahl von Arztkontakten zu nennen: - das Versorgungsamt: Das Erarbeiten von Prozenten und Merkzeichen erfordern viele Arztkontakte, die sonst vielleicht nicht nötig wären.

Fast regelmäßig bekommen z.B. Pat., denen das Versorgungsamt ohne weiteres 50% (und damit den Schwerbehindertenstatus mit entsprechend erhöhtem Kündigungsschutz) hätte gewähren können, nur 40% - mit der zwangsläufigen Folge von Widersprüchen und Sozialgerichtsklagen, für die natürlich eine möglichst hohe Frequenz von (Fach-)Arztkontakten vorzuweisen ist. Völlig unverständlich und sehr ärgerlich ist, dass das Versorgungsamt Menschen plötzlich herabstuft, mit der Begründung, die Krankheit hätte sich offensichtlich gebessert. Dann tauchen nach Jahren wieder Patienten in der Praxis auf, die mit ihrer chronischen Erkrankung lange Zeit gut zurecht gekommen sind, und jetzt (verursacht durch das Versorgungsamt...!) plötzlich einen Rückfall erleiden...

Einen ähnlichen Effekt hat die restriktive Gewährung von Merkzeichen. Sehr werden Merkzeichen, sei es "G", "B" oder "RF", ohne Rücksprache mit dem Arzt beantragt. Nach der Ablehnung seitens des Amts tauchen die Patienten dann in der Praxis auf, zwecks Widerspruch, für den man jetzt den Arzt benötigt. - das Arbeitsamt: Läuft der Krankengeldanspruch bei der Krankenkasse aus, muss sich der Patient beim Arbeitsamt bzw. Jobcenter melden, und das setzt die Leute massiv unter Druck, denn das Jobcenter will sie vermitteln, auch wenn sie noch so chancenlos auf dem Arbeitsmarkt sind, und zwingt sie, laufend Bewerbungen zu schreiben oder zu Vorstellungsgesprächen anzutreten. Oder sie werden in zu unsinnigen Schulungsmaßnahmen gedrängt, durch die sich viele Betroffene überfordert sehen. Selbst 63jährige, bei denen es nur um die Überbrückung der Zeit bis zu regulären Rente geht, werden so malträtiert.

Die Folge sind weitere Arztkontakte zwecks Krankschreibung für das Arbeitsamt. - die Rentenversicherung: Schafft es ein Patient nach langer Krankschreibung (=viele Arztkontakte), obligatorischem Reha-Verfahren, Begutachtung, Widerspruchsverfahren und Sozialgerichtsklage (=wiederum sehr viele Arztkontakte notwendig) endlich, die Frührente gewährt zu bekommen, handelt es sich i.d.R. um eine Zeitrente.

Die Befristungen werden immer kürzer (oft nur ein Jahr oder sogar nur sechs Monate). Entsprechend hoch ist der Druck auf die Patienten die Schwere ihrer chronischen Erkrankung durch häufige (Fach-) Arzttermine zu belegen. Es handelt sich hier letztlich um ein Outsourcing von Folgelasten einer inhumanen globalisierten Arbeitswelt und um Verlagerung von Verantwortung von der sozialen Fürsorgebürokratie auf die Ärzte. Mit der Konsequenz einer zunehmenden Zahl medizinisch eigentlich nicht notwendiger Arztkontakte - zu Lasten des budgetierten Gesamthonorars der Kassenärzte.

erinnert Karl Ebertseder

Kategorie: Allgemein, BVNF

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