11.09.2020

Mach keine (zweite) Welle! – Bayerischer Facharztverband fordert Neubewertung der Pandemiesituation unter Einbezug ärztlichen Sachverstandes

Dr. Ilka M. Enger

Zu Beginn der Pandemie haben sich gerade die niedergelassenen Ärzte vehement in die Bresche geworfen, um die heranbrandende Pandemiewelle zu bekämpfen. Nun wird es aber Zeit für eine erneute Bewertung des Infektionsgeschehens. Und bei dieser Bewertung sollten nicht nur wissenschaftlich tätige Labormediziner, sondern vor allem die Kollegen in der praktischen Versorgung befragt werden.

„Natürlich ist es wichtig, weiterhin Vorsicht walten zu lassen und Hygieneregeln zu beachten, die eigentlich selbstverständlich sein sollten“, erklärt Ilka Enger, stellv. Vorsitzende des BFAV und Internistin in Neutraubling. „Allerdings darf der Blick auf die derzeitige Situation auch optimistisch stimmen – wir haben derzeit meines Erachtens die Infektion einigermaßen im Griff.“

Der Blick dürfe sich nicht nur auf die Zahl der positiv getesteten Personen verengen, sondern müsse auch die Zahl der hospitalisierten, intensivpflichtigen oder sogar beatmeten Patienten mit berücksichtigen. Und hier gebe es seit Wochen eher fallende Tendenzen – die schweren Verläufe scheinen durch entsprechende Behandlungsmöglichkeiten mit gerinnungshemmenden Medikamenten und Steroiden (Cortison) besser beherrschbar zu sein.

Der bayerische Facharztverband warnt eher davor, dass durch die Angst der Patienten chronische Erkrankungen, z. B. auch Krebserkrankungen, verschleppt und zu spät diagnostiziert oder therapiert werden. „Unsere Kollegen berichten uns hier Verläufe, wie man sie seit 20 Jahren nicht gesehen hat,“ erzählt die Internistin. „Kinderärzte sehen zum Beispiel Kinder mit neu entdecktem Diabetes mellitus Typ 1 mit schweren, intensivpflichtigen Übersäuerungen.“ Der Blick auf die Pandemie dürfe hier nicht die Regelversorgung der Bevölkerung komplett ausblenden.

In diesem Zusammenhang sei es auch nicht zielführend, die medizinischen Labore mit einer anlasslosen Testung zu überlasten und notwendige Laborkapazitäten zu vergeuden, die man für gezielte Testungen bei medizinischem Einrichtungen, Schulen und Altenheimen im Herbst brauchen wird.

„Hier werden personelle Ressourcen und Geld verbrannt, die wir nötiger in der gezielten Testung, aber auch in der Regelversorgung einsetzen sollten“, ist Wolfgang Bärtl überzeugt und beklagt, dass in der Pandemiebewältigung ausgerechnet die medizinischen Fachangestellten, die in den Praxen bei fehlender Schutzkleidung besonders von einer Covid-Infektion bedroht waren, bei den ausgelobten Boni nicht berücksichtig wurden und wieder einmal leer ausgehen.

Der bayerische Facharztverband mahnt eine Neubewertung der derzeitigen Corona-Situation an, die gerade dem Mittelstand wieder etwas mehr Luft zum Atmen lässt. „Wir erhoffen uns, dass man dabei auch unsere Expertise und Erfahrung als niedergelassene Ärzte, die direkt an der Pandemiefront tätig waren, in den weiteren Beratungen berücksichtigt“, wünscht sich Enger.

Kategorie: Bayerischer Facharztverband, BFAV, BVNF