17.11.2015
Von: Dr. Karl Ebertseder

Verstärktes Praxensterben

Das Geld aus ambulanter Versorgung fließt in die Krankenhäuser, chronisch kranke Patienten sitzen bald auf dem Trockenen. Eigentlich sollte mit dem Krankenhausstrukturgesetz die Krankenhauslandschaft in Deutschland neu geordnet, Überversorgung abgebaut und die Vergütung mehr an Qualität orientiert werden.

Allerdings haben die Kliniken-Lobbyisten mit einem schrillen Crescendo die Zeit genutzt, um über hohe Defizite in ihren Notfallpraxen zu klagen und eine noch höhere Vergütung einzufordern. Bereits heute sind die Behandlungskosten in den Notfallambulanzen der Kliniken höher als im vergleichbaren ärztlichen Bereitschaftsdienst. Alles bezahlt aus dem Honorartopf der niedergelassenen Ärzte.

Das Flehen der klammen Kliniken fand Gehör bei klinikkonzernnahen Politikern aber auch bei Kommunalpolitikern. Die Einen haben den Profit der Klinik-Konzerne, die Anderen den Erhalt ihrer maroden „Sorgenkrankenhäuser“ einäugig im Visier. Diese ungesunde Suppe müssen nun niedergelassene Ärzte zusammen mit ihren ambulant zu versorgenden Patienten auslöffeln. Die große Koalition legt damit den Bürgern ein wirklich dickes Kuckucksei ins Nest, das zu einer Erhöhung der Krankenkassenbeiträge, aber auch zu einer Verschlechterung der sogenannten Regelversorgung führen wird.

Das Gesetz sieht vor, dass künftig die Leistungen in den Klinik-Ambulanzen bis zu viermal besser bezahlt werden sollen als die Leistungen im ärztlichen Bereitschaftsdienst. Gespeist wird dieses „Krankenhaus-Notopfer“ aus dem begrenzten Honorartopf, der für die ambulante Behandlung aller Patienten zur Verfügung steht. Die Einrichtung der anonymen „Portalpraxen“ geht zu Lasten der Kassenärztlichen Vereinigungen – also letztlich ebenfalls der Ärzte. Diese Portalpraxen müssen auch mit „dienstwilligen“ Ärzten besetzt werden. Das bedeutet für den Arzt, dass er in der Portalpraxis Anwesenheitspflicht hat und noch mehr Zeit von seiner Familie getrennt verbringen wird. Das ist keine angenehme Vorstellung für einen Arzt, der bereits in der normalen Sprechstunde etwa 50 Stunden pro Woche verbringt. Und es wird nicht dazu beitragen, dass es mehr niederlassungswillige Ärzte geben wird in der Zukunft.

Der zu erwartende Geldabfluss aus dem ohnehin knapp bemessenen Budget der niedergelassenen Haus- und Fachärzte wird die wirtschaftliche Situation gerade der Grundversorgung auf dem Land verschlechtern. Man schätzt, dass der Aderlass die Vergütung der Arztgruppen, die insbesondere die Versorgung der chronisch kranken Patienten gewährleisten, nochmals um 10 Prozent betragen wird – Ein Zustand, der sich auch nicht mehr durch die Behandlung von mehr Privatpatienten stabilisieren lässt und damit das Praxensterben auf dem Lande vorantreibt. Damit haben dieselben Politiker, die sich mit dem Gesetz eine Rettung ihrer kommunalen Kliniken erkaufen wollten, ein veritables Problem bei ihrer wohnortnahen Versorgung durch niedergelassene Ärzte geschaffen, was ihnen wohl die Wählergunst kosten und viele Fragen der Bürger eintragen wird. Gerade oberpfälzer und niederbayerische Patienten jenseits der Ballungsräume – insbesondere die immobilen, alten und kranken – werden schmerzhaft betroffen sein. Die Zeche für die unausgegorene Gesundheitspolitik zahlt der Bürger. Und wenn dann alles zu spät ist, will’s wieder keiner gewesen sein.

Kategorie: Bayerischer Facharztverband, Allgemein, BVNF